Augenwischerei

In dieser 3. Kolumne im Magazin “Cost & Logis” nimmt Bettenexperte Jens Rosenbaum nochmals die Hygiene in den Hotelzimmern unter die Lupe.

Bei der Hygiene hält es die Hotellerie gerne mit dem Leitsatz „Ein kluges Pferd springt nicht höher als es muss“. Und was „muss“, das definieren Gesetze oder die Kriterien der Hotelklassifikation. Eine legitime Strategie. Aber auch eine kluge? Nehmen wir mal im Bereich Schlafkomfort die Matratzen-Hygienebezüge/Encasings, Kriterium Nr. 75 des Kriterienkataloges. Seit ihrer Einführung zur Verbesserung der Hygiene, wofür es immerhin satte zehn Punkte gibt, werden sie fast von jedem Hotel eingesetzt, gleich ob klassifiziert oder nicht. Sie sind zum Standard geworden. Im Katalog steht unter der korrespondierenden Fussnote 16 auch, das Encasings waschbar sein sollten. Aber eben nicht, dass sie gewaschen werden „müssen“. Und was macht das Hotel? Genau! Es lässt Bettwäsche und Laken grundsätzlich pflegen, Matratzen absaugen (hilft übrigens nicht wirklich) und das ganze Zimmer reinigen, vergisst aber die Encasings – und noch einiges andere.

Wer über Hotels schreibt und speziell über dieses Thema, sollte dies nicht ohne Fakten tun. Ich habe mir erlaubt, eine Studie zu beginnen. Bislang umfasst diese drei Dutzend Hotels – von Hamburg bis München, von Berlin bis Köln, alte und neue in den Kategorien 0 Sterne bis *****. Sicherlich nicht repräsentativ, aber mit einer deutlichen Tendenz. Ergebnis: Traurig. Da wird doch tatsächlich die Matratze vor dem Gast geschützt, was übrigens auch gerade mal in der Hälfte der Fälle wirklich funktioniert. Aber der Gast darf, nur getrennt durch das Laken, auf den Hinterlassenschaften unzähliger Gäste, die vor ihm da waren, seine Nacht verbringen. Der Verschmutzungsgrad dieser Encasings liegt bis um das 200 fache (!) über dem der Bettwäsche. Selbst auf der Toilettenbrille geht es sauberer zu. Wenn man sich bei der Bettwäsche die Mühe macht, sauber zu sein, weil Hotel hier „muss“ und wo dies auch zumeist vorbildhaft funktioniert, warum dann biem Rest des Bettes dieser Rückschritt? Damit wird Bett-Hygiene doch zur Augenwischerei. Und dies in einer Zeit, in der die Hotellerie bei wachsender Konkurrenz, auch durch Airbnb & Co., vor allem auf die Einhaltung von Standards setzen sollte, um sich positiv abzugrenzen. Und da sollte nciht nur das Gesetz ausschlaggebend sein, sondern auch der gesunde Menschenverstand. Denn Hygiene im Bett ist ein „must have“. Sonst müsste man jenen, denen eine saubere Schlafunterlage wichtig, die Toilettenbrille aber zu ungemütlich ist, den Teppich empfehlen. Denn der war in über 95 Prozent der Fälle deutlich sauberer als die Encasings.

Jens Rosenbaum

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